"Finanz und Wirtschaft", 28.04.2007.
Abschied von einer Illusion
Linke und grüne Energiepolitiker sowie das Bundesamt für Energie stilisieren die sogenannte 2000-Watt-Gesellschaft zum alleingültigen energiepolitischen Ziel empor: Pro Kopf der Bevölkerung sollen jährlich im Schnitt lediglich 2000 Watt Energie verbraucht werden. Ob die 2000-Watt-Gesellschaft in Zukunft realistisch ist, wird nicht hinterfragt. Sie war hingegen schon einmal Realität: 1960 betrug der Pro-Kopf-Verbrauch rund 2000 Watt. Seither allerdings hat sich das Bruttoinlandprodukt vervierfacht. Der Verbrauch beträgt heute rund 5000 Watt. Hinzu kommen 4000 Watt an grauer Energie, die in importierten Gütern und Dienstleistungen steckt.
Das Paul Scherrer Institut PSI hat sich in einer neuen Studie mit der 2000-Watt-Gesellschaft auseinandergesetzt. Der Schluss ist klar: Selbst mit einer wesentlich effizienteren Energienutzung wird das Ziel nicht sozialverträglich zu erreichen sein. Überdies ist die Vision für die Forscher nicht zentral: Entscheidend sei vielmehr, dass der CO2-Ausstoss bis ins Jahr 2050 markant reduziert werde. Das ist möglich, allerdings nur um den Preis eines höheren Stromverbrauchs. Hier beginnt das Dilemma der Schweiz. Hans E. Schweickardt, CEO der EOS-Gruppe, formuliert es drastisch: Die Schweiz befinde sich in einem "Energienotstand". Das Land ist nicht mehr in der Lage, seinen Strombedarf selbst zu decken. Die Konsequenz ist klar: Es müssen rasch entsprechende Kapazitäten erstellt werden. Auch das PSI hält fest, dass es nicht ohne Kernenergie gehen wird. Es gilt also Abschied zu nehmen von der Illusion der 2000-Watt-Gesellschaft und sich der Realität zuzuwenden: Es braucht neue Grosskraftwerke. Wenn sich die Schweiz der Erkenntnis verweigert, begibt sie sich in die Abhängigkeit vom Ausland, die nicht nur erhöhte Unsicherheit in der Versorgung, sondern auch wesentlich höhere Preise mit sich bringt. Peter Morf. |

